Gaming für Anfänger

GROBER ENTWURF!

„Sie spielen aber nicht solche Killerspiele, oder?“ Als ich mit meinem Journalismusstudium anfing und stolz verkündete, dass ich als Videospieljournalistin arbeiten will, konnten sich so einige meiner Dozenten diese Frage nicht verkneifen. Große Augen, ein offener Mund und fast schon entsetzen triefte aus den Gesichtern mancher Professoren. Wie kann jemand Journalist für Killerspiele werden?

Mein Antwort fiel immer recht ähnlich aus: „Doch, unter anderem“. Zugegebenermaßen kein augenöffnendes Plädoyer, aber dafür eine recht witzige Antwort in Anbetracht des Gesichtsausdrucks, der sich bei meinem Gegenüber auftat.

Man möchte meinen Videospiele seien in der Gesellschaft angekommen oder zumindest akzeptiert. Jährlich winkt der Verband der deutschen Games-Branche namens game dafür, dass das Durchschnitts-Gamer-Alter auf über 40 Jahre beläuft und weit über die Hälfte der Deutschen zockt. Natürlich ist die Realität nicht ganz so einfach, wie manche Studien es uns glauben machen wollen. Denn was laut game als Videospielt, wird in der breiten Öffentlichkeit so kaum wahrgenommen.

Solitär und Minesweeper auf dem Laptop und Candycrush am Handy – Habt ihr schon mal eine virtuelle Runde Schach gespielt oder Kühe gemolken? Herzlichen Glückwunsch, dann seid ihr offizielle ein Gamer. Zwar keiner der Killerspiele spielt, aber zumindest treibt ihr die Statistiken hoch und gereicht einer Branche zum Vorteil, die ihren Standpunkt deutlich machen will: Videospiele sind überall und werden von jedem gespielt. Dass ihr nicht mit Killerspiel-Werbung getargetet werdet, liegt übrigens an eurer Persona, also dem Werbeprofil, dem man euch in der Branche zuordnet.

Neben Super-Gamern und Konsolenspielern existiert nämlich auch der Daily Dabbler: Frauen, die in der Regel 45 plus sind, ausschließlich am Handy spielen und kein Geld ausgeben. Wer diesen Typen nicht kennt, hat aber eventuell schon vom Incidental Player gehört. Leute, die ausschließlich Gelgenheitsspiele am Handy spielen, weil es ihnen eine Möglichkeit gibt, ihr Handy auf eine zusätzliche Art zu nutzen. Das Spielen ist immer an äußere Faktoren gebunden, wie dem Warten auf etwas.

Dass besonders die letzte Gruppe sich selbst niemals als Gamer bezeichnen würde, beschreibt einen Trend in der Entertainment Industrie, den es so noch nie gegeben hat. Jemand, der regelmäßig Filme schaut, würde nie von sich behaupten, mit Filmen nichts zu tun zu haben. Das Verständnis, wann ich ein Videospiel in der Hand halte ist aber ein völlig anderes und die Idee ein „Gamer“ zu sein, schreckt viele Leute ab.

Dabei haben Videospiele Vorzüge, die sonst kein Medium beinhaltet. Selbst über große Entfernungen können Leute miteinander etwas tun und gleichzeitig kommunizieren. So stellen Videospiele einen Grund dar, in Kontakt zu bleiben und bieten gleichzeitig jederzeit Gesprächsstoff, der über das Erzählen des Alltags hinausgeht.

Aber Videospiele fördern doch die Gewalt und Aggression der Spieler, möchte manch einer nun einwerfen. Und tatsächlich: Spiele können aggressiver machen, wenn sie gewalttätige Inhalte haben. Allerdings ist dies wie so oft nur die halbe Wahrheit: Videospiele beeinflussen nachgewiesenermaßen das Verhalten einer Person, über die Spielzeit hinaus. Allerdings nur kurzzeitig und nicht über Stunden oder gar Jahre hinweg, wie manch ein objektiver Fernsehbeitrag das proklamieren möchte. Und zudem können Spieler in alle Richtungen beeinflusst werden: Spiele, die die Empathie fördern, lassen auch Spieler kurz darauf empathischer werden, so sind sie eher bereit zu spenden oder anderen Menschen zu helfen. Kurzzeitig, denn auch diese Effekte verklingen. Wie genau sich Spiele da von Filmen oder Büchern unterscheiden, bleibt bisher leider unerforscht.

Aber was heißt das für uns? Vielleicht, dass wir aktiv ein Spiel spielen können, dass die Laune hebt oder uns Verständnis für andere erleichtert. Oder vielleicht, dass ein Killerspiel zu spielen keine Amokläufer aus uns macht und wenn wir nicht kurz darauf den Mörder unserer Mutter treffen auch harmlos sind.