„Hamilton“ – die Revolution auf Disney+

Musical ist nicht gleich Musical. „Hamilton“ – das Stück über die Amerikanische Unabhängigkeit – revolutioniert die Theaterwelt und Disney+.

Hamilton Musical

Amerikanische Geschichte als Hip-Hop-Musical begeistert Massen weltweit

Nicht aufgeben und das Beste draus machen – das könnte zum einen ein guter Vorsatz fürs neue Jahr sein, ist aber auch ein wiederkehrendes Element im Musical „Hamilton“.
Bevor nun jemand sich die Frage stellt, warum in aller Welt man ein Musical über Lewis Hamilton macht und wie man Formel 1 Rennen auf der Bühne umsetzt, gleich eines vorweg: es geht um einen anderen Hamilton – und zwar Alexander Hamilton.
In Deutschland weitestgehend unbekannt und doch eine wichtige Persönlichkeit.

Hörprobe „My shot“ aus Hamilton – Broadway Castrecording | © Stage Entertainment

„I am not throwing away my shot!“

Alexander Hamilton war einer der Gründerväter der USA und ihr erster Finanzminister. Bis heute fußt das Finanzsystem der Staaten auf seinen Entwürfen.
Finanzen und Geschichte – wie kann das nur spannend sein?
Zum einen sind es die Charaktere mit all ihren Abgründen und Träumen, die Liebe und vor allem die Musik. Hamilton ist da so ganz anders, als typische Musicals wie „das Phantom der Oper“ oder „der König der Löwen“. Die Aussage „ich mag keine Musicals“ gilt also nicht: Denn Musical ist nicht gleich Musical! Niemand würde sagen „ich mag keine Filme“ und so ist diese Musiktheater-Gattung ein Genre mit unendlich vielen Genres.
Die Geschichte rund um die Gründung der Staaten wird also nicht langatmig wie eine Geschichtsstunde mit hundert Arien in die Länge gezogen, sondern besticht durch Moderne und Tempo: Rap, Hip Hop und RnB.

This is a story of America then told by America now.

Lin-Manuel Miranda

Die Musik fällt aus dem Raster „Musical“, aber auch die Premierenbesetzung am Broadway (und darüber hinaus) ist untypisch für die (amerikanische) Musicallandschaft: der Großteil der Darsteller:innen sind People of Colour. Im 18. Jahrhundert waren die Entscheidungsträger und wichtigen Personen alle weiß – auch Alexander Hamilton selbst – und trotzdem passt es, denn die Titelfigur war selbst ein Einwanderer. Geboren auf Nevis in der Karibik kam er nach einem Hurrikan, der seine Heimat verwüstet hatte, nach New York – finanziert von Spenden aus seiner Heimat. Gemeinsam mit anderen Männern schließt er sich der Kontinentalarmee an, um gegen Großbritannien zu kämpfen und die Unabhängigkeit von der britischen Krone zu besiegeln.

„The world turned upside down!“

Das Werk aus der Feder von Lin-Manuel Miranda erhielt seit der Uraufführung im Februar 2015 verschiedenste Auszeichnungen, unter anderem sechs Drama-Desk-Awards, den Pulitzer-Preis und elf Tony Awards, und das obwohl Miranda es ursprünglich nicht einmal als Musical geplant hatte, vielmehr sollte es ein HipHop-Album werden. Einen Song – inzwischen die Eröffnungsnummer des Musicals – präsentierte er im Rahmen eines Auftritts bei „An evening of poetry, music & the spoken word“ 2009 im Weißen Haus.

Im Juli 2015 zog die New Yorker Produktion dann wenige Monate nach der Uraufführung an den Broadway, die Musicaladresse Amerikas. Karten bekam man seitdem kaum und der Erfolg verbreitete sich über die weltweite Musicallandschaft.
Um allen Fans die Möglichkeit zu bieten, die originale Broadway Besetzung sehen zu können, wurde Hamilton am New Yorker Broadway 2016 aufgezeichnet. Geplant war, den Film in diesem Jahr in ausgewählten Kinos auf der ganzen Welt zu zeigen. Durch das global grassierende Corona-Virus und die dadurch folgenden Theaterschließungen, entschloss man sich jedoch, die Filmversion auf Disney+ zu zeigen. Seit dem 3. Juli ist das Musical nun dort zu sehen und definitiv einen Filmabend wert.

„Why do you write like you´re running out of time?“

160 Minuten Amerikanische Geschichte, Gefühle und mitreißende Musik erwarten die Disney+-Zuschauer:innen. Das Richtige für dunkle Winterabende auf dem Sofa, denn neben Unterhaltung kann man auch noch etwas dazu lernen.
Der Film wurde aus mehreren Aufführungen des Stückes im Richard Roger Theatre New York zusammengeschnitten, ist somit nur im Original auf Englisch streambar. Bei schnellen Raps ist es also gar nicht so leicht beim ersten Sehen mitzukommen. Worum geht es also?
Im Zentrum der Handlung steht Alexander Hamilton (Lin-Manuel Miranda), der 1776 in New York ankommt. Gemeinsam mit seinen neuen Freunden Marquis de Lafayette (Daveed Diggs), John Laurent (Anthony Ramos), Hercules Milligan (Okieriete Onaodowan) und Aaron Burr (Leslie Odom Jr.) schließt er sich der Revolution an und kämpft unter der Führung von George Washington gegen die Briten. Dieser verweigert es auch, Hamilton das Kommando über eine Truppe zu geben und setzt ihn vor allem für die Korrespondenz ein – nicht zuletzt, um Hamilton zu schützen, immerhin erwartet Hamiltons Frau ihr erstes gemeinsames Kind.
Als armer Immigrant schaffte es Alexander mit der Heirat von Eliza Schuyler (Philippa Soo), deren Vater ebenfalls ein engagierter Militant und später Senator war, sozial aufzusteigen.

„You let me make a difference, a place where even orphan immigrants can leave their fingerprints and rise up“

Nach der Kapitulation der Briten bei Yorktown 1781 widmet sich Hamilton seiner Karriere als Anwalt und dem Schreiben. Mit 51 von 85 Essays ist er der Hauptautor der Federalist Papers, den Artikeln, die die neue Verfassung der Staaten gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern verteidigen sollten.
Im Kabinett von George Washington (Christopher Jackson) wird Hamilton Finanzminister und sorgt mit seinen Plänen beispielsweise für die Gründung einer nationalen Bank für Diskussion und Kontroversen.
Durch seine Affäre mit Maria Reynolds und das von ihm verfasste und 1797 veröffentlichte Reynolds Pamphlets steht er für den ersten Sex-Skandal in der US-Amerikanischen Geschichte.
Hamilton schrieb unzählige Texte, die auch im Musical nicht fehlen dürfen.
So legt er sich auch mit Aaron Burr an, der Hamilton unter anderem für seine Wahlniederlage in der Präsidentschaftswahl von 1800 verantwortlich macht.
Im Juli 1804 kommt es dann zu einem Duell zwischen beiden Gründervätern, bei dem Hamilton tödlich verwundet wird.

„Who lives, who dies, who tells your story“

Wer erzählt unsere Geschichte? Wer sorgt dafür, dass wir nicht vergessen werden? Diese Fragen werden auch in der finalen Nummer von „Hamilton“ gestellt. Die vom gesamten Ensemble gesungene Antwort darauf lautet: Eliza.
Die Ehefrau von Alexander Hamilton überlebte den Gründervater um 50 Jahre und war ihrerseits sehr aktiv, so gründete sie beispielsweise das erste private Waisenheim in New York City (heute: Graham Windham) und festigte die Erinnerung an ihren früh verstorbenen Ehemann.
Die Geschichte von Alexander Hamilton wurde bereits lange vor dem Broadway Erfolg für Theater und Film aufbereitet, so existiert beispielsweise auch eine Verfilmung von 1931. Jahre später (2004) veröffentlichte der Journalist Ron Chernow eine Biografie des Gründervaters, die Miranda zum Schreiben des Musicals inspirierte.
Trotz jahrelanger und intensiver Recherche Mirandas ist das Musical keine korrekte Biografie.

„Your debts are paid ‚cause you don’t pay for labor“

Ein Broadway-Stück braucht eine gewisse Dramaturgie und somit kleine Abänderungen und Kürzungen der realen Geschehnisse.
Anlässlich der Black-Lives-Matter Proteste im Sommer 2020 musste sich auch „Hamilton“ der Kritik stellen. So wurden Vorwürfe laut Lin-Manuel Miranda – selbst Kind puerto-ricanischer Einwanderer – hätte den Aspekt der Sklaverei unter den Tisch fallen lassen und die Geschichte beschönigt.
Und es stimmt: Die Sklaverei wird im Bühnenstück zwar immer wieder erörtert, dass viele der Gründerväter jedoch selbst Sklaven besaßen, wird jedoch nicht angesprochen. Miranda reagierte via Twitter auf die Kritik und schrieb, dass diese durchaus berechtigt sei, er aber nicht jeden historischen Aspekt einbauen hätte können. Dennoch habe er sein Bestes getan.

Trotz der dramaturgischen Änderungen gibt das Musical einen guten Überblick über die Entstehungsgeschichte der USA, gespickt mit Geschichten von Liebe, menschlichem Versagen, starken Frauen und etwas Comedy. Der Britische Monarchen King George III. (Jonathan Groff), sorgt mit Melodien im Beatles-Stil für den ein oder anderen Lacher.

„And when I meet Thomas Jefferson I´ma compel him to include women in the sequel!“

Ganz im Sinne von Hamiltons schriftlichen Werken ist das Musical ein wortgewaltiges Stück, das nicht nur für Amerikaner:innen interessant ist.
In diesem Jahr soll nun die Premiere in Deutschland folgen, die Vorbereitungen für die deutschsprachige Uraufführung im Stage Operettenhaus Hamburg laufen bereits seit Längerem. Ob dieses Projekt gelingen oder scheitern wird, darüber streiten sich Fans und Kunstschaffende jedoch. Ein Stück mit Rap-Passagen und im Schnitt 144 Wörtern pro Minute (im „Phantom der Oper“ sind es dagegen nur 68) muss erst einmal passend übersetzt werden.

You know, it´s funny, they were all very like „you know, we don´t know American history. I don´t know, how it will play.“ And I was like „WE don´t know American history! You´ll be fine!“

Lin-Manuel Miranda über die Londoner „Hamilton“-Produktion in „The Late Show with Stephen Colbert“ (2018)

Und auch die Frage, ob Amerikanische Geschichte in Deutschland funktioniert, ist noch offen. Zur Produktion am Londoner West End sagte Komponist, Autor und Hamilton-Darsteller Miranda, dass Amerika seine eigene Geschichte selbst nicht kenne, es also in Großbritanien sicher ebenso funktionieren könne. Hamilton war bis zur Musical-Premiere eine fast vergessene Persönlichkeit, denn auch wenn er auf dem 10-Dollar Schein abgebildet ist, konnten selbst die meisten Amerikaner:innen nichts mit diesem Namen anfangen. In London lief das Stück bis zur Corona-bedingten Schließung jedenfalls erfolgreich.
Ob auch der typisch deutsche Musicalkritiker dem neuartigen Stück gewillt sein wird?

Das Stage Operettenhaus Hamburg wird Deutschlands Heimat von "Hamilton"
Das Stage Operettenhaus in Hamburg – hier soll im Herbst 2021 die Deutschlandpremiere von „Hamilton“ über die Bühne gehen | © Stage Entertainment

„I want to build something, that´s gonna outlive me“

Etwas schaffen, an das man sich auch noch viele Jahre nach dem eigenen Tod erinnern wird – diesen Wunsch äußert Hamilton im Musical und es scheint ihm gelungen zu sein, nicht zuletzt durch Mirandas musikalisches Meisterwerk. Der Erfolg führte dazu, dass Kinder und Jugendliche sich wieder mehr für Geschichte und Demokratie interessieren, so gibt es mittlerweile auch das Hamilton Education Programm „EduHam“. Und auch vor der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr haben sich die Darsteller:innen stark dafür eingesetzt, Amerikaner:innen zum wählen zu motivieren. Blickt man auf die Wahlbeteiligung könnte das durchaus funktioniert haben.

„Hamilton – An American Musical“ ist jetzt auf Disney+ verfügbar, einen ersten Eindruck gibt es hier:

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